Wir wollten Amerika finden

 

from Die Welt…
Amerika, das neue Rom, aber wer sind seine Barbaren ?

Das Buch beginnt mit einem Countdown und entfesselt bei Zero eine Apokalypse. Mit geplatzten Träumen kennt sich aus, wer - wie der 1969 geborene Kevin Prufer - in Houston, Texas lebt. Die hier vorliegende Auswahl zeigt ihn als einen popmodernen politischen Dichter, der den gegenwärtigen Alltag Amerikas an den Demokratie-Entwürfen der Väter misst. In seinen auf ganze Sätze bauenden Versen erfindet er Bilder und Geschichten, die den "American Dream" zu bewahren suchen.

In einem Katastrophenfilm aus Montagen inszeniert er ein Amerika voller Gewalt und aus der Ferne gesteuerten Kriegen. Geschichte wird als Geschichte von Vertreibung und Unmündigkeit begriffen. Im Gedicht "Jüngste Geschichte" fallen die Engel gar zerstiebend in Nachbars Garten, der auch der verwüstete Garten Eden sein könnte. Der Bürger ist nur ein ohnmächtiger oder teilnahmsloser Zuschauer. Etliche Verse ziehen Parallelen zum Untergang Roms. Die neuen Cäsaren trachten - laut Prufer - danach, ein weiteres "Imperium auf Gold und Sklaven" zu errichten. Gleich dreimal stellt der Autor zwischen Rollengedichten, Protokollen und Satiren die Frage: "Wer sind unsere Barbaren?" Angst geht um.

Diese Gedichte wirken wie eine Inventur gesellschaftlicher Konflikte und Entwicklungen. Zwischen Lähmung, Aggression und Flucht in den Rausch bewegen sich die lyrischen Figuren. "Was wir mit dem Imperium gemacht haben" ist der Titel eines Gedichts, das als Groteske daherkommt. Prufers Ars Poetica spielt auf der Flöte eines an seinen Rändern messerscharfen Knochens Wahrheit, der dennoch "die Süße fortsingt". Er schreibt Liebesbriefe ins Nichts. Trotz schwergewichtiger Themen leben die Verse von der Karikatur und vom Witz.. —Dorothea von Törne

 


from Frankfurter Allgemeine Zeitung…
Prufers Ars poetica ist nicht im Avant-garde-Sinn innovativ, dafuer zugaenglich, erprobt, variantenreich und voll Witz, den wiederum kulturpessimistische Melancholie kontrastiert. In verhaeltnismaeßig konventioneller Praxis werden oft Bilder und Geschichten von ueberraschender Evidenz heraufbeschworen. Kevin Prufer ist nicht naiv, aber er hintertreibt die Popkultur mit ihren eigenen Mitteln. Sei ne Rollen--und Erzaehlgedichte, Liebeslieder, Lamentos, Protokolle, Karikaturen und Entlarvungen inszenieren ein Kino posturbaner Landschaften mit stets wechselnden Staffagen und Dekors. Sprechblasen, die irgendjemand Beliebigem gehoeren, tauchen anstelle von Dialogen auf. Es sind Montagen von Zeichen-, Stimm- und Dingresten, die „im Licht ihrer fehlenden Erklaerung baden“ (Godard). Das Fehlende aeußert sich in Phantom- schmerz, Laehmung, Aggression – oder aus blauem Himmel aufblitzender Verheißung, die dann doch wieder zum Herz der amerikanischen Poesie fuehrt. Dann entfaltet sie auch noch in der Uebersetzung, manchmal gebrochen und unscharf, ihren ureigensten Sound, der Raum und Weite enthaelt. —Jan Roehnert

 

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